...zum Mitmachen, sich Engagieren und Miteinanderlernen. Jugendliche, Frauen und Männer aus allen Ländern sind bei uns aktiv. Einmal im Jahr bilden wir auch Mediatorinnen und Mediatoren aus, die in ihrer Muttersprache unterrichten wollen. In mehr als zwanzig Sprachen bieten wir Aufklärung und Information. Zu unserem Team gehören neben Studenten und Schülern auch Dolmetscher, Pädagogen und Sozialarbeiter, Psychologen und Ärzte.
Unser türkischsprachiges Beratungstelefon ist mittwochs von 15 bis 17 Uhr erreichbar. Während der Öffnungszeiten des Ethno-Medizinischen Zentrums erreichen Sie uns auch persönlich. In Krisenfällen versuchen wir direkt zu helfen.
Foto: Ira Thorsting
Wir wünschen uns, dass unsere Arbeit zu mehr Verständnis und mehr Offenheit im Umgang mit HIV/AIDS beiträgt.
Diese Homepage bietet nur eine Orientierung über unsere Aktivitäten. Wer mehr erfahren will, den laden wir herzlich ein, uns zu kontaktieren. Wir sind gern eine erste Anlaufstelle - um Ihnen weiterhelfen zu können, arbeiten wir mit einem Netzwerk von sehr guten Organisationen zusammen.
Wir wünschen Ihnen alles Gute und freuen uns über Ihr und Euer Interesse.
Ihr Ramazan Salman
Geschäftsführer Ethno-Medizinisches Zentrum
Wir sind Positive und Nicht-Positive und wir ergänzen uns im Ganzen. Wir bilden durch die Ergänzung eine Harmonie der Ungleichen. 
Was ist das Migranten-AIDS-Projekt?
Solidarität und Prävention
Mit unseren muttersprachlichen und kultursensiblen Präventions- und Beratungsaktivitäten schaffen wir für MigrantInnen einen Zugang zu Aidshilfen, Familienplanung und Sexualpädagogik. Wir wollen das Thema AIDS enttabuisieren und MigrantInnen zu mehr Eigenverantwortung motivieren und befähigen. Darüber hinaus unterstützen und beraten die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter des EMZ Aidshilfeeinrichtungen in ihrer Arbeit mit MigrantInnen. Zugangsbarrieren werden abgebaut, damit MigrantInnen besser in die vielfältige Angebotslandschaft der deutschen Aidshilfen, der öffentlichen Gesundheitsdienste und Organisationen wie pro familia integriert werden. Unsere Angebote richten sich an allgemein am Thema interessierte MigrantInnen, ebenso wie an Institutionen und Fachkräfte aus der Aidshilfe, aus den Sucht-, Familien- und Sexualberatungsstellen und – nicht zuletzt – an Menschen mit HIV/AIDS, bzw. ihre Angehörigen.
AIDS: Aufklärung und Schulung
Im EMZ arbeiten alle Teammitglieder in einer Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung. Von unseren Räumen in der Königstraße aus werden Projekte in den verschiedensten Teilen Deutschlands gesteuert.
Das HIV/ AIDS-Projekt bietet Mitarbeitern von Fachdiensten Trainings, Fortbildungen und Supervisionsmöglichkeiten zum Thema „HIV/ AIDS und Migration“. Bei uns können Übersetzungen von Fachtexten und Broschüren in 20 Sprachen in Auftrag gegeben werden. Kliniken, Fachdienste und Beratungsstellen, die ihre Angebote und Strukturen interkulturell öffnen und erweitern möchten, sind im EMZ ebenfalls an der richtigen Adresse. Unser Team bietet ihnen die Unterstützung, die sie benötigen. Zudem hilft das EMZ Organisationen bei der interkulturellen Teamentwicklung.
Die Aktivitäten des AIDS-Projektes werden laufend wissenschaftlich evaluiert und weiterentwickelt. Außerdem übernehmen wir externe Forschungs- und Rechercheaufträge. Die Ergebnisse unserer wissenschaftlichen Arbeit werden auf nationalen und internationalen Fachtagungen vorgestellt.
Am Thema HIV/ AIDS interessierte MigrantInnen bilden wir im Rahmen einer Präventionsschulung zu muttersprachlichen MediatorInnen aus. Auf diese Weise vorbereitet, suchen unsere MediatorInnen ihre Landsleute zum Beispiel in Sprachschulen, Kulturvereinen und religiösen Einrichtungen auf. Sie klären muttersprachlich und kulturkompetent über die Erkrankung, ihre Folgen sowie die Themen Familienplanung und Sexualpädagogik auf. An Informationsveranstaltungen interessierte Fachdienste, Kommunen, Schulen und Vereine können sich jeder Zeit an unser Sekretariat wenden. Die Veranstaltungen werden gemeinsam geplant und durchgeführt.
Auf die Mischung kommt es schon am Anfang an
Im Team des EMZ arbeiten Frauen und Männer, Migranten und Deutsche zusammen. Auf diese bunte Mischung legen wir großen Wert.
Den Grundstein unserer Arbeit legte 1992 die Diplomarbeit von Ramazan Salman, der das EMZ gegründet hat und es bis heute leitet. Der Sozialwissenschaftler forschte Anfang der 90er Jahre bei Professor Helmut Kentler zu sexuellen Kenntnissen und Einstellungen junger türkischer Männer. Um 1988 hatte Salman die Dramatik von AIDS erfasst und festgestellt, dass seine türkischen Verwandten und Bekannten überraschend wenig über dieses Thema wussten. Der Aufklärungs- und Beratungsbedarf in der türkischen Community wurde weder durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung noch durch Aidshilfen oder Suchtberatungsstellen abgedeckt.
Die langen Gespräche mit jungen Türken, die Ramazan Salman im Rahmen seiner Untersuchung für das niedersächsische Sozialministerium führte, bestätigten, dass sich die Tabus, Kommunikations- und Sichtweisen türkischer Jugendlicher grundlegend von der Perspektive der deutschen Mehrheitsbevölkerung unterschieden. Das Bild des türkischen Mannes ist härter als jenes, das sich in Deutschland unter dem Einfluss der Frauenbewegung entwickelt hat. In den Augen der Türken, die er interviewte, musste ein Mann ein Mann, also vor allem nicht weich, sein. Viele Männer türkischer Herkunft glaubten, sie seien vor HIV gefeit – denn HIV sei ausschließlich eine Sache der Schwachen. Der Aufklärungsbedarf liegt auf der Hand, nicht nur zum Thema HIV, sondern hinsichtlich des männlichen Rollenverständnisses und der Sexualität im Allgemeinen.
Doch wie sollte diese Aufklärung aussehen? Die Broschüren der deutschen Aidshilfe in einer Moschee auszulegen, schien völlig undenkbar. Nicht nur, weil Sexualität an diesem Ort bis heute nichts zu suchen hat. Das Problem liegt tiefer. Die auf deutsche Homosexuelle zugeschnittenen Präventionsmaterialien erreichen türkische Männer, die (auch) Sex mit Männern haben, grundsätzlich nicht. Die Gründe hierfür sind in deren kulturellen Erfahrungen und Tabus zu finden. Den meisten homosexuellen Männern türkischer Herkunft fehlt das positive Selbstverständnis vieler schwuler Deutscher. Zum Verständnis der „türkischen“ Perspektive kann ein Blick in die deutsche Geschichte beitragen. Noch in den 50er Jahren unterzogen sich Homosexuelle hierzulande Elektroschocks oder hirnchirurgischen Eingriffen, um die gesellschaftlichen Erwartungen eines heterosexuellen Lebens erfüllen zu können.
Will man türkischstämmige Jugendliche mit Präventionsbotschaften erreichen, muss man auch berücksichtigen, dass schwule Türken häufig verheiratet sind, ihre Homosexualität nur versteckt leben und sich in ihren Familien und Communities nicht outen können. Ahmet Kimil, Psychologe am EMZ, warnt generell davor, von MigrantInnen die eher liberalen Einstellungen zu erwarten, die sich in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung durchgesetzt haben. Unter den Bedingungen der Migration halten selbst Türken der zweiten und dritten Einwanderergeneration an konservativeren Leitbildern fest, als dies in der in Bewegung geratenen Türkei der Fall ist.
Aus unserer Sicht berücksichtigen deutsche Einrichtungen die besondere Situation von Einwanderern leider nur unzureichend. Zu den Problemen der MigrantInnen zählen Sprachbarrieren genauso wie ein mangelndes Verständnis für ihre Schwierigkeiten, die Erwartungen ihrer Familien mit den Wünschen und Erfordernissen der deutschen Gesellschaft in Einklang zu bringen. Ramazan Salman jedenfalls war nach Abschluss seiner wissenschaftlichen Untersuchung klar: „Wir, die Migranten, müssen etwas für uns tun.“
Keine Parallelwelt aufbauen
Der Kreis von Aktiven, der sich um Salman bildete, fand immer neue Tätigkeitsfelder. Die Frage, ob man ein eigenes Beratungsnetz aufbauen oder lieber versuchen wollte, auf die vorhandenen Strukturen einzuwirken, war schnell entschieden. Statt einer Parallelwelt sollten Brücken gebaut werden. Dieser Ansatz ist geblieben: Wir, das Team des EMZ, wollen MigrantInnen dazu ermutigen, die vorhandenen Beratungs- und Vorsorgeangebote stärker zu nutzen. Darum bilden wir Gesundheitsmediatoren aus. Und das nicht nur im AIDS-Bereich, sondern auch, um Oral- und Impfprophylaxe unter MigrantInnen zu verbessern, diese zur Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen und zur Wahrnehmung ihres Rechtes auf Teilhabe zu motivieren. Dieser Arbeitsansatz hat sich weit über Hannover hinaus bewährt.
Unsere Mediatorenausbildung wird inzwischen in Hessen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und vielen anderen Bundesländern angeboten. Unser bundesweit arbeitender Dolmetscherdienst hilft MigrantInnen dabei, sich im überwiegend deutschsprachigen Behördenalltag zurechtzufinden, Beratungsstellen und medizinische Einrichtungen zu nutzen. Auf Kongressen, in Schulungen und Einzelgesprächen versuchen wir, Akteure des deutschen Hilfesystems für die Bedürfnisse von MigrantInnen zu sensibilisieren. Aufklärung war und ist auch über die Bedeutung der Migration für die Entstehung und den Verlauf vieler psychosomatischer Erkrankungen nötig.
Schlüsselerlebnisse
Das EMZ arbeitet nicht ausschließlich innerhalb Deutschlands. Ein Ereignis, das Ramazan Salman in den Anfangsjahren seines Instituts prägte, war die Nachricht von Polizeirazzien in Schwulenclubs in der Türkei. „Die haben die Leute verprügelt, geschoren, ins Gefängnis geworfen. Da haben wir gemerkt: Das ist ein internationales Problem. Daraufhin haben wir ein Netzwerk von Türken aus aller Welt gegründet, Aufklärungsbroschüren in die Türkei geschmuggelt. Das fing zwar mit AIDS an, aber dann haben wir gemerkt, wir müssen das Gespräch über Sexualität, in der Türkei und natürlich auch hier, ändern.“
Ein Meilenstein, an den sich der Geschäftsführer des EMZ besonders gerne erinnert: Das Netzwerk, das sich um ihn gebildet hatte, organisierte den ersten internationalen AIDS-Kongress in der Türkei. „Wir waren etwa 800 Leute aus aller Welt und allen ethnischen Gruppen. Die türkischen Ärzte und Professoren, mit denen wir diskutierten, waren völlig irritiert, weil etwa die Hälfte von uns homosexuell war. Wir haben es trotzdem geschafft, dass der türkische Gesundheitsminister einer aidskranken Frau vor der Presse die Hand schüttelte. Und ein Kondom in die Kamera hielt. Das war ganz wichtig.“ In der Türkei löste die Konferenz einen Vorwärtsschub aus. Der Umgang mit AIDS hat sich grundlegend geändert. Nicht-staatliche Organisationen haben sich gebildet. „Und auch vom Staat wird AIDS jetzt als Problem angesehen.“
Ein weiteres prägendes Erlebnis für Salman war der Leidensweg eines aidskranken türkischen Familienvaters, um den sich in seinen letzten drei Lebensmonaten niemand kümmerte. Von seiner Familie war der Kranke zum Toten erklärt worden. „Der war von seinem Umfeld so enttäuscht, dass er sich weigerte, noch Türkisch zu sprechen“, erinnert sich Salman. „Niemand hat sich um den Mann gekümmert, außer unserer kleinen Gruppe, also meine Frau und ich, unser Freund Ali und die Aidshilfe. Nach seinem Tod wollte ihn kein Hodscha waschen, keiner wollte die Gebete sprechen. Ali und ich haben dann unsere Kenntnisse zusammengeworfen und das für ihn gemacht.“ Solche Erlebnisse bestärkten den Sozialwissenschaftler in seinem Vorhaben, in der türkischen Community Aufklärung zu leisten und Ängste abzubauen. Sie haben ihn auch motiviert, mit seinem Zentrum weiterzumachen, obwohl die Finanzausstattung lange Zeit völlig unzureichend war. Noch immer läuft der größte Teil unserer Arbeit ehrenamtlich.
Arbeiten im Netzwerk mit deutschen Einrichtungen
Wir versuchen, das zu tun, was auch die Aidshilfen getan haben: Wir möchten den Umgang mit AIDS und HIV grundsätzlich ändern, losgelöst davon, ob der Einzelne ein Infektionsrisiko hat oder nicht. Wie in anderen Bereichen arbeitet unser Team auch in der AIDS-Prävention mit anderen Institutionen zusammen.
Appell an die Aidshilfen
Ahmet Kimil hat direkte Erfahrungen mit der AIDS-Hotline gesammelt. Immer wieder rufen Männer an, die in ihren Familien niemanden zum Reden haben, einsam und verzweifelt sind. Er wünscht sich daher von den Aidshilfen, dass diese sich in Zukunft stärker für Ratsuchende aus verschiedenen Kulturen öffnen. Diese Öffnung setzt Kompromissfähigkeit voraus. Schon die in Beratungsstellen aufgehängten Bilder und Plakate oder dort ausgelegten Broschüren könnten als anstößig empfunden werden. Zudem sind die Empfindlichkeiten in verschiedenen Gruppen unterschiedlich gelagert. Kimil rät, auch mit Hilfe von Ärzten oder Imamen auf die muslimische Zielgruppe zuzugehen. Ohne transkulturelle Erfahrungen Aufklärungsveranstaltungen in muslimischen Communities durchführen zu wollen, sei weniger Erfolg versprechend.
In einem Gespräch mit dem Autor und AIDS-Hilfe-Veteran Bernd Aretz wurde diese Entwicklung sehr lebhaft aufgezeigt (veröffentlicht in PosT – Das Magazin der Hannöverschen AIDS-Hilfe, April/Mai 2006).